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Wölfe unterwegs in Hessen

Die historische Ausrottung
Symbolfoto Wolfsbejagung (Archiv AK Hessenluchs)

Im Taunus wurde der letzte Wolf 1841 erlegt. Das war im Brandoberndorfer Wald bei Hasselborn (Lahn-Dill-Kreis). Das Tier wurde präpariert und fristet heute sein Dasein im Arsenal des Landesmuseums Wiesbaden. Im selben Jahr soll auch bei Lorsch (Kreis Bergstraße) ein Tier zur Strecke gekommen sein. Offenbar die letzten Wölfe, die auf dem Gebiet des heutigen Hessen erlegt wurden.

Überliefert sind frühere Abschüsse am Maunzenweiher im Frankfurter Stadtwald und an der Wolfsscheide bei Dietzenbach. Das soll 1798 gewesen sein. 1830 wurde im Umland von Idstein und im Stadtwald von Wiesbaden ein Wolf erlegt.

1840 erwischte es den letzten Wolf im Viernheimer Wald. Damit war die Art in Südhessen aber noch nicht ausgerottet. Noch 1864/65 gab es dort etliche Nutztierrisse, die man Wölfen zuschrieb. Bei Groß-Umstadt (Kreis Darmstadt-Dieburg), sowie in Erbach, Vielbrunn und Bullau im heutigen Odenwaldkreis. 1865 brachte man denn auch bei Eberbach einen Wolf zur Strecke. Das Städtchen liegt im badischen Odenwald, knapp jenseits der heutigen Landesgrenze.

Lit.: Dieter Röckel, Die abenteuerliche Geschichte des letzten Wolfs im Odenwald, Heidelberg 1999

Ein Wolf im Taunus?

Erste Hinweise kamen im Winter 1981/82 aus dem Idsteiner Land. Dort war Forstleuten aufgefallen, dass das Rotwild seine üblichen Einstände nicht mehr aufsuchte. Auch Rehwild ließ sich kaum noch sehen. Schließlich wurden Fährten gefunden, die man einem allein jagenden, großen Hund zuschrieb. Wenig später berichtete ein Waldarbeiter von einem kräftigen, schäferhund-ähnlichen Tier, das er beim Holzeinschlag gesehen hatte.

Im Sommer 1982 wurde dieser „wildernde Hund“ dann bei Bad Camberg erlegt. Der Rüde war etwa 35 Kilo schwer und sah einem Wolf recht ähnlich. Auf den Vorderläufen wies er einen schwarzen Längsstreifen auf, wie er bei der italienisch-französischen Unterart des Wolfes vorkommt. Daher informierte der Erleger die Obere Naturschutzbehörde beim RP Darmstadt.

präparierter Wolfsschädel (Foto: Susanne Jokisch, Hessen-Forst FENA)

Nachdem das tote Tier fast ein Jahr in seiner Tiefkühltruhe verbracht hatte, ging er allerdings zurecht davon aus, dass die Behörde keinerlei Interesse hatte. Er ließ das Fell gerben und präparierte den Schädel, der mittlerweile von Fachleuten begutachtet wurde. Ein „echter“ Wolf wird weitgehend ausgeschlossen. Vermutet wird ein wolfsähnlicher Hund oder ein Wolf-Hund-Hybride. Gewissheit brächte die geplante DNA-Analyse, die allerdings derzeit noch aussteht.

Waldeck-Frankenberg: Landrat gibt Wolf zum Abschuss frei

Vöhl am Edersee, April 1994. Berufsjäger Willi Lotze war mit seiner neuen Videokamera im Revier und wollte von einem Hochsitz aus Rehe filmen. Für seine Enkelkinder. Doch stattdessen kam ein Wolf vorbei, alt und grau, mit eingefallener Rückenlinie. Willi Lotze hielt drauf. Tage später wurden zwei gerissene Muffel-Widder gefunden, in ihrer Nachbarschaft die Trittsiegel eines großen Caniden. Hund oder Wolf?

Man ordnete die gerissenen Tiere dem alten Video-Wolf zu.
Im Landkreis Waldeck-Frankenberg wurden nun warnende Stimmen laut. So ein wilder Wolf sei sicher gefährlich und müsse zum Schutze der Bevölkerung erschossen werden. Kindergärten sagten Waldausflüge ab, einige Rentner nahmen einen Knüppel mit, wenn sie zum Dämmerschoppen in den Dorfkrug gingen. Der zuständige Landrat sah „eine öffentliche Gefahr“ und gab den damals bereits streng geschützten Isegrim zum Abschuss frei. Daraufhin wurde Willi Lotze aus ganz Hessen angerufen. Besorgte Bürger baten ihn inständig, dem Tier nichts zu leide zu tun. „So an die zwei Prozent der Anrufer wollten den Abschuss“, erinnert sich der Berufsjäger, „alle Anderen waren strikt dagegen“. Der alte Wolf wurde nie wieder gesehen.

Der Wolf im Reinhardswald

Gut zehn Jahre später trifft ein zugewanderter Wolf auf eine völlig andere Stimmung. Die Lokalpresse feiert ihn als Bereicherung Nordhessens, eine Radiowelle schreibt einen Wettbewerb zur Namensfindung aus. Das prominente Tier ist ein junger Rüde. Die Hörer favorisieren daher den Namen „Reinhard“, abgeleitet von seinem aktuellen Jagdrevier, dem Reinhardswald. Dem Wolf war das wurscht.

Der Wolf im Reinhardswald (Foto: Jochen Dörbecker)
Der erste Fotobeweis: „Reinhard“ im Reinhardswald (2008)
(zum Vergrößern klicken)

Er stammte aus der polnisch-ostdeutschen Population und hatte es von der Lausitz bis zur Oberweser geschafft. Westlich von Reinhardshagen sah man ihn zum ersten Mal. Das war im März 2006. Weitere Beobachtungen folgten, aber die Behörden blieben skeptisch. Anfang Mai 2008 gelang dann ein gestochen scharfes Farbfoto. Da der Aufnahmeort nachgeprüft werden konnte, war damit die Existenz des Wolfes bewiesen.

Der mit blutigen Märchen belastete Beutegreifer war in sein angestammtes Verbreitungsgebiet zurückgekehrt. Zurück um zu bleiben. Gut 150 Jahre nach seiner vollständigen Ausrottung.

Zwischen 2006 und 2011 notierte das Forstamt Reinhardshagen 76 Sichtungen. Das Tier hat dabei den gesamten Reinhardswald zwischen Hannoversch Münden und Bad Karlshafen als Lebensraum genutzt. Ein Schafsriss im angrenzenden nordrhein-westfälischen Muddenhagen war ihm durch eine DNA-Analyse eindeutig zu zuordnen. Ob die Wolfssichtungen und Fotos im benachbarten niedersächsischen Solling ebenfalls auf den „Reinhardswälder“ zurück gehen, konnte nie geklärt werden. In den fünf Jahren seiner Anwesenheit wurde er für das Reißen von einem Zwerg-Zebukalb, 76 Schafen, zwei Ziegen, vier Stück Rotwild und einem Reh verantwortlich gemacht. Ob er da jedesmal der Täter war, muss offen bleiben.

Am 13. April 2011 wurde der Wolf von Waldarbeitern des Forstamtes verendet aufgefunden. Er war schon weitgehend verwest. Laut Untersuchungsbericht der Universität Gießen starb das Tier eines natürlichen Todes.
In seinem „Nachruf“ auf den Reinhardswald-Wolf schreibt das Umweltministerium:

„Das Land bekannte sich offensiv zum Wolf und begrüßte seine Zuwanderung. Informationsveranstaltungen und regelmäßige Medienberichte entschärften die anfänglichen Vorbehalte der Bevölkerung gegen den Wolf.
Die mit der Anwesenheit eines Großraubtieres verbundenen Lasten, insbesondere die Nutztierverluste, wurden unbürokratisch ersetzt. Großzügige Beschaffungsbeihilfen für wolfssichere Schafzäune leisteten einen weiteren wichtigen Beitrag zur Entschärfung des Schafhalter/Wolf-Konflikts. Dabei können die vergleichsweise geringen Schafsrisse in 2010 schon als erste Erfolge dieser Wolfsprophylaxe bezeichnet werden. Die Schafhalter können jetzt erst einmal die wolfssicheren Zäune zur Seite legen.
Allerdings ist es heute nicht mehr völlig abwegig, schon bald wieder einen Wolf im Reinhardswald beobachten zu können. Durch die kontinuierliche Vergrößerung der ostdeutschen Wolfspopulation werden stetig neue Gebiete durch Jungwölfe besiedelt. Die Entfernungen zum Reinhardswald verkürzen sich.“

(HMUELV, Presseinformation Nr.101, 14.04.2011)

Der hinkende Wolf bei Gießen

Pohlheim bei Gießen, Januar 2011. Ein hinkender Wolf wird an einer Tankstelle gesehen. Später dann auch auf einer Straße und auf einem nahen Wiesengelände. Es gelingen zwei brauchbare Fotos, die ein bräunlich gefärbtes, wolfsähnliches Tier zeigen, das seinen rechten Hinterlauf nachzieht. Die Verletzung war augenscheinlich gravierend. Das Tier konnte sich nur noch langsam fortbewegen. „Der Hinterlauf war völlig zertrümmert und drehte sich in alle Richtungen“, erinnert sich Didi Schmandt, der Fotograf der Bilder: „Ich konnte deutlich sehen, dass er mehrfach gebrochen war. Aufgrund des Bewegungsablaufs vermute ich, dass das Tier auch innere Verletzungen hatte.“

Einen örtlichen Jäger befällt sofort der traditionelle „Hegegedanke“. Er fordert öffentlich, den „armen Wolf“ von seinen Leiden zu erlösen. Naturschutzverbände rufen zur Mäßigung auf und stellen sich schützend vor das Tier. Schließlich wird das Fahrzeug ausgemacht, das den mutmaßlichen Wolf angefahren hatte. Haarproben werden sichergestellt und vom Forschungsinstitut Senckenberg untersucht. Die Oberste Naturschutzbehörde teilte mit:

„Die Untersuchung (...) ergab, dass es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Wolf handelt. Das Ergebnis zeigt, dass das Tier aus der italienisch-schweizerisch-französischen Wolfspopulation und damit aus diesem Gebiet stammt. Ob das Tier selbständig über Süddeutschland zugewandert oder auf andere Weise nach Hessen gelangt ist, bleibt unklar. Dass das Tier im Raum Gießen bleibt, ist unwahrscheinlich, da das Gebiet zu zerschnitten und zu stark besiedelt ist. Dennoch haben wir ein Interesse an weiteren Meldungen, falls der Wolf zufällig gesehen werden sollte.“
(HMUELV, eMail v. 20.01.2011)

Das Geschlecht des Tieres blieb ungeklärt. Dennoch war behördenintern fortan von „Pierre-Luigi“ die Rede.

Ende Januar 2011 wurde „Pierre-Luigi“ noch zweimal gesehen. Zunächst bei Bettenhausen, einem Dorf im Südosten des Kreises Gießen. Kurz danach tauchte er im Südwesten auf: bei Kirch-Göns, einem Ortsteil von Butzbach. Dazwischen liegen gut 12 km Luftlinie, sowie die Autobahnen A 45 und A 5. Seine körperliche Verfassung wird widersprüchlich beschrieben. Einmal wirkte er müde und langsam, ein andermal war er so flott unterwegs, dass ihn ein Radfahrer nicht einholen konnte.

Danach ließ sich der Wolf nicht mehr sehen.

„Pierre-Luigi“ unterwegs im Westerwald

Im Februar 2012 wurde in der Nähe des Westerwalddorfes Steimel (Landkreis Neuwied/Rheinland-Pfalz) ein wolfsähnliches Tier beobachtet. Das Gebiet liegt etwa 30 km von der hessischen Grenze entfernt. Es gelangen etliche Fotos und eine Videoaufnahme. Anhand der Bilddokumente gehen Experten davon aus, dass dort tatsächlich ein Wolf unterwegs war. Das Video belegte einen eingeschränkten Bewegungsablauf: der Wolf zog den rechten Hinterlauf nach.

Wolf im Westerwald (Foto: Uli Stadler)
Der hinkende Wolf im Westerwald

Dieses Handicap ließ sofort an „Pierre-Luigi“ denken. Eine Vermutung, die auch für jenes „wolfsähnliche Tier“ gelten kann, das im Januar 2012 in Hessen gesehen wurde. In den Feldern bei Schöneck-Oberdorfelden (Main-Kinzig-Kreis) konnte ein Autofahrer bis auf drei Meter an das Tier herankommen. Es lief eine Weile unbeeindruckt vor seinem Auto her. Sein Fell wird als „struppig“ beschrieben, die Farbe als „schmutzig-braun mit schwärzlicher Schattierung in der vorderen Körperhälfte“. Das Tier war in etwa so groß wie ein Schäferhund und zog seinen rechten Hinterlauf nach.

Der „Westerwälder“ wurde am 20. April 2012 bei Hachenburg (Rheinland-Pfalz) von einem Jäger erschossen. Angeblich hielt er ihn für einen wildernden Hund. Die DNA-Untersuchung belegte, dass das männliche Tier zur südwesteuropäischen Unterart gehörte. Der Vergleich mit dem Genprofil von „Pierre-Luigi“ brachte dann die Gewissheit, dass es derselbe Wolf war, der bereits Anfang 2011 durch Hessen streifte. Der Unfall im Landkreis Gießen hatte ja bei „Pierre-Luigi“ zu einer schweren Verletzung am rechten Hinterlauf geführt. Bei dem erschossenen Wolf fanden die Veterinärpathologen genau dort eine verheilte Fraktur. Ein weiterer Nachweis, der den genetischen Befund bestätigte.

Wolf im grenznahen Siegerland

Am 22.01.2015 dokumentierte eine Fotofalle im Landkreis Siegen-Wittgenstein (NRW) einen Wolf. Nach Presseberichten stand die Kamera auf dem Pfannenberg zwischen Neunkirchen-Salchendorf und Siegen-Eiserfeld. Von dort sind es etwa 2 km nach Rheinland-Pfalz und 10 km nach Hessen.

Mehr zum Wolf an der Landesgrenze in der Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums.

 

Toter Wolf im Main-Kinzig-Kreis

Am 9. März 2015 fand die Autobahnpolizei auf der A66 bei Bad Soden-Salmünster (Main-Kinzig-Kreis) eine tote Wölfin, die überfahren worden war. Das ein- bis zweijährige Tier wog ca. 40 kg. Laut Genanalyse des Forschungsinstituts Senckenberg gehörte es zur „mitteleuropäischen Tieflandpopulation“. Die Wölfin kam also aus dem deutschen Verbreitungsgebiet oder aus Westpolen. Die Zuordnung zu einer bestimmten Region war nicht möglich.

Wolf in Frankfurt überfahren
Auf der A 661 überfahrener Wolf (Foto: Polizei Frankfurt)

Am 21. April 2015 wurde auch auf der A 661 im Stadtgebiet Frankfurt ein Wolf überfahren. Die genetische Untersuchung ergab, dass das männliche Tier ebenfalls zur mitteleuropäischen Population gehörte und ein Nachkomme des „Gartower Rudels“ im Landkreis Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen) war. Dort wurde 2013 ein Wolfspaar bestätigt, das 2013 sechs und 2014 sieben Welpen hatte.

Die Gen-Analyse durch das Forschungsinstitut Senckenberg (Gelnhausen) ergab weiterhin, dass der „Frankfurter Wolf“ den Haplotypen HW02 aufwies. Bei der am 9.März auf der A 66 bei Bad Soden-Salmünster überfahrenen Wölfin wurde jedoch der Haplotyp HW01 festgestellt. Damit steht fest, dass beide Tiere zwar zur mitteleuropäischen Population gehören, aber nicht unmittelbar miteinander verwandt sind. Die regionale Herkunft des ersten Unfallopfers bleibt weiter ungeklärt.

Das in Frankfurt gefundene Tier scheint nach dem äußeren Eindruck ein einjähriger Jungwolf zu sein. Letzte Sicherheit erwarten die Behörden von der pathologischen Untersuchung des Tierkörpers.

„Wolfsähnliches Tier“ im Lahn-Dill-Kreis

Mitte Mai 2015 wurde das Tier bei Wetzlar von der Fotofalle eines Jägers erfasst. Die Aufnahme hatte der Landesjagdverband Wolfskennern in Sachsen und in Norddeutschland vorgelegt. Die hielten das Tier mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen Wolf. In einer Einschätzung aus dem Umweltministerium hieß es, die Bildqualität lasse eine genaue Zuordnung nicht zu. Eine durch Hessen-Forst FENA veranlasste Begutachtung des Bildes durch Experten habe zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt. Da der Kopf nicht klar erkennbar sei, könnte es sich auch um einen Fuchs gehandelt haben. Zudem könne die Optik von Wildkameras zu Verzerrungen führen. Weiter hieß es: „Wir schließen nicht aus, dass es sich hierbei um einen Wolf gehandelt haben kann, können es aber auch nicht bestätigen. Sicherheit könnte nur eine DNS-Untersuchung bringen.“ Nachdem Ende Januar 2015 eine Fotofalle im angrenzenden Landkreis Siegen-Wittgenstein (NRW) einen Wolf belegt hatte, waren auch Sichtungen im Lahn-Dill-Kreis erwartet worden. Der Wolf war damals nur 10 km von der hessischen Grenze entfernt.

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